Leben und sterben lassen

Manchmal bedarf es Provokation, um einem allgegenwärtigen und doch totgeschwiegenem Thema seine verdiente Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Entsetzen ist groß, wenn ein (uns nahestehender) Mensch die Lebenden verlässt.

Das Entsetzen ist groß, wenn dahinter ein Krankheitsprozess steht, der Entscheidungen bedurfte.

Aber ist das Entsetzen auch groß, wenn der Tod des erkrankten Menschen absehbar war? Soll man dem Tod mit vollstem Verstand in die Augen blicken und sich nicht wehren?

„Du musst kämpfen – Es ist noch nichts verloren“ lautete die Parole des an einem Hirntumor erkrankten Jonathan „Johnny“ Heimes. „… Gutes tun und Hoffnung schenken. Denn Aufgeben ist für Johnny, auch nach allen Rückschlägen, keine Option“, heißt es auf der „Du musst kämpfen“-Webseite über Johnnys Motivation, diese Aktion ins Leben zu rufen und sich selbst immer wieder zurück ins Leben zu kämpfen. Und dieses Engagement lebt auch nach Johnnys Tod weiter. Sein Engagement, trotz einer furchtbaren Krebserkrankung, spendet Betroffenen und Angehörigen Mut und Kraft.

Ich schöpfte Hoffnung mit der Erkenntnis, nicht die einzige Angehörige zu sein.

Durch solche Kampagnen und deren Öffentlichkeit bekommen Betroffene und deren Angehörige Mut für den weiteren Weg, der vor ihnen liegt. Ganz egal, wie dieser aussehen mag, aber Aufgeben ist keine Option: Du musst kämpfen!

„Du musst kämpfen“ trägt ebenfalls ein am 2.11.2017 in der FAZ erschienener Artikel zum Umgang mit Krebskranken. Ob der Autor sich Johnnys Engagement und der daraus entstandenen Welle an Aktionismus bewusst ist?

Der Zeitungartikel ist zermürbend. Er zeigt vor allem am Beispiel des Ex-US-Präsidentschaftskandidaten John McCain, welcher ebenfalls an einem Hirntumor (Glioblastom – nicht heilbar) erkrankt ist, auf, wie sehr es den Erkrankten doch unter Druck setzen kann, wenn ihm mehrfach impliziert wird: „Du musst kämpfen“. Vielmehr solle der Erkrankte seinem Schicksal freien Lauf lassen und sich um die wichtigen Dinge vor seinem Ableben kümmern: z.B. einem Testament.

Wieso einem Todkranken Mut machen, wenn sein Tod doch sowieso in unmittelbarer Nähe ist?

Ja, wieso eigentlich?

Nun, der Autor geht zwar auf die nachweislich positiven Auswirkungen von Selbstheilungskräften bei einer optimistischen (Lebens-)Einstellung ein, das war es dann aber auch.

Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass Mut machen und ein sachlicher Umgang mit der Diagnose keine Gegensätze sein müssen.

Wenn sich der Patient in einer Patientenvollmacht dafür ausspricht, keine lebensverlängernden Maßnahmen erhalten zu wollen, dann ist das kein Wunsch den Angehörigen und Pflegenden gegenüber, sondern sein Recht, dessen Missachtung strafrechtliche Konsequenzen aufgrund von Körperverletzung hat.

Eine Maßnahme, die es Ärzten und Familie erst gar nicht gestattet, dem Erkrankten weiterhin „Du musst kämpfen“ aufzuzwingen.

Für wen macht es überhaupt Sinn, zu kämpfen? Darf jeder Erkrankte hier über einen Kamm geschoren werden?

Auch hier fehlt die passende Differenzierung im Artikel.

Jeder Mensch hat den Willen des Überlebens. Bezieht man sich für die weiteren Beispiele auf das im Zeitungsartikel genannte Fallbeispiel des Hirntumors, so kommt z.B. die Diagnose „Glioblastom“ oft überraschend, es bleibt wenig (Überlebens-)Zeit. Das Glioblastom zählt zu den seltensten Krebserkrankungen und gilt als unheilbar. Am häufigsten tritt diese Erkrankung bei Kindern oder im Alter zwischen 45-70 Jahren auf. Keine der hier genannten Altersangaben möchte ich mit „am Ende des Lebens“ betiteln.

Schaut man sich den Gesundheitszustand des Patienten vor der Diagnose an, wird vernünftigerweise klar, wie sehr ein „Du musst kämpfen“ den Erkrankten stärken oder schwächen wird. Der Krankheitsverlauf kann sehr unterschiedlich sein. Jemand, der schwach und verletzlich ist, sollte nicht länger gequält werden, sondern die Würde des Menschen geachtet und bewahrt werden. Unter dem Aspekt des Respekts und der Akzeptanz des Willens des Betroffenen.

Steht eine Person mitten im Leben und wird von der Diagnose „Glioblastom“ überrumpelt, bleibt auch hier keine Zeit. Kann die Vernunft bei allen Entscheidungen gewinnen? Was ist mit dem Überlebenswillen?

Vor allem sollte das der Betroffene selbst entscheiden. Es geht um sein Leben! Wer auch immer die im Artikel genannte Meute der „Du musst kämpfen“-Parolen ist, so tut es mir leid. Es tut mir leid, um all die Menschen, die scheinbar Sterbenskranke zu weiteren Prozessen der Lebensverlängerung überreden. Die Betonung liegt hier bei „überreden“, denn dass beide Parteien einen Strang der Hoffnung suchen, ist nur ein Zeichen von Liebe.

Jeder gesunde Mensch bei Verstand sollte sich an seinem Glück der Gesundheit erfreuen und in solch einer Situation beratend, unterstützend und entlastend dem Patienten zur Seite stehen.

Es kann nicht schaden, schon als junger Mensch aufgeklärt über den Tod ein Testament oder eine Patientenvollmacht zu besitzen. So erspart man den Hinterbliebenen schwere Entscheidungen und sichert seinen eigenen Willen ab.

Der Tod ist allgegenwärtig.

Entsetzlich.

Traurig.

Aber Hoffnung ist ein Herzschlag, der helfen kann, das Schlimmste zu verkraften.

 

2 Kommentare zu „Leben und sterben lassen

  1. Hallo liebe Thea,

    vielen Dank für den hinterfragenden Bericht.

    Grundsätzlich ist es so, dass der Arzt immer zu lebensverlängernden Maßnahmen verpflichtet ist, besonders wenn der Patient nicht mehr selbst entscheiden kann. Der behandelnde Arzt muss den „mutmaßlichen Patientenwillen“ ermitteln. Eine Patientenverfügung hilft ihm nur dabei, dies zu tun (§ 1901b BGB).

    Viel wichtiger ist die Art der Patientenverfügung, damit diese überhaupt Anwendung findet. Eine gute Info dazu findet man hier >> http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Patientenverfuegung-295.html << auch wenn die Seite von der Pharma gesponsert wird.

    Was den Kampf betrifft. Spiegeln die nächsten Zeilen nur meine persönliche Meinung und Erfahrung wider.

    Wer immerzu glaubt kämpfen zu müssen, der verbraucht sehr viel Lebensenergie und die ist nicht unendlich. Wenn es dann mal darauf ankommt, kann die dann schon mal nicht mehr reichen. Ausgleich, Balance, Leichtigkeit sollten genauso Teil unseres Lebens sein. Yin/Yan empfinde ich als ein sehr gutes Lebensmodell. Gerne über Bewegung, Entspannung, Urlaub uvm.

    Wer stetig unter Anspruch, Druck, Stress, Unfrieden und Hass verweilt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann der Körper oder Geist oder Beides dies nicht mehr ertragen kann und bricht. Wir sind Teil dieser (Um-)Welt und all dem was darin passiert. Viele Faktoren, Gifte, usw. wirken täglich auf uns ein. Ein gesunder und fitter Körper, ein stabiler und freundlicher Geist und eine entsprechend gute und positive Lebensweise, können schon vieles davon abwehren.

    Es gibt keine Garantie, wenn man so oder so lebt, dann wird man steinalt. Persönlich kenne ich einige Menschen, die durch einen positiven "Kampf" ihr Schicksal beeinflusst haben. Ich denke "Kampf" ist nicht der richtige Begriff, sondern es könnte vielleicht lauten:

    Nicht aufzugeben – Mut zu haben – Motiviert zu sein – sich zu engagieren – Kraft zu sammeln – entschlossen vorzugehen – positiv laden – es schaffen zu wollen – den Glaube zu haben – erreichen zu wollen – dran zu bleiben

    Vielleicht fallen euch noch ein paar andere Begriffe ein…

    Ich denke, liebe Thea, manchmal, vielleicht sogar öfter als wir denken, stehen wir alleine, im Zweifel, geschwächt, ohne Energie und Kraft, in Trauer und Angst, zögernd, ohne Hoffnung und klein mit und vor unseren Aufgaben und wenn dann jemand an uns herantritt, die Hand reicht, in den Arm nimmt, Mut und Kraft, Trost und Halt spendet, tut uns Lebenwesen, selbst in der letzten Stunde unseres Lebens gut und oft lässt uns das erstarken, Hoffnung finden und noch ein Stück weiter gehen.

    Es sind Engel, sehr oft wohl Familie, für andere Freunde, für wieder andere Lehrer, Trainer oder Coach, oder wer auch immer einen motivieren mag und kann, jetzt noch nicht aufzugeben, nochmal alles zu geben. Ganz am Ende, am letzten Tag, in der letzten Stunde, der letzten Minute, der allerletzten Sekunde den Mut zu haben, sich für weitere Millionen von Jahren bereit zu machen.

    Mit großer Dankbarkeit und Vorfreude
    Tom

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    1. Vielen Dank für dein langes Feedback, Tom! Der Abschnitt mit der Patientenverfügung muss wohl ein Missverständnis gewesen sein, denn auch der behandelnde Arzt hat sich nach eben dieser Ermittlung an den Patientenwillen zu halten. Ebenso mögliche Hospiz-Pflege zu Hause hat dies zu befolgen. Der Begriff „Kampf“ wird von mir hier aus der Initiative her und dem Artikel verwendet. Darauf beruht mein Artikel.
      Keinem Menschen, ob unter Stress stehend oder nicht, darf man meiner Meinung nach einen Strick aus seiner Erkrankung drehen!
      Aber wie du schon sagst: Es ist eine persönliche Meinung und die zu haben, ist schon sehr fortgeschritten bei solch einem schweren Thema. Danke fürs Nachdenken!

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